Mittwoch, 8. Juli 2009

Aussenantrieb

In der Kanzlei war man gewohnt, ruhig zu arbeiten. Die Dinge hatten Zeit. Wenn sich Kunden meldeten, gab man ihnen beruhigende Antworten, und wenn sich jemand öfters meldete, reihte man den Akt einfach vor.

Gerhard war ein zeilstrebier Mann, er ging seine Vorhaben energisch an und erwartete das auch von anderen. Als er also das erste Mal in der Kanzlei anrief um nach dem Status seines Falls zu fragen, und von dort die Antwort bekam dass das momentan bei einem Amt liege und nächste Woche abgeschlossen sein würde, nahm er das so.

Beim folgenden Anruf in der nächsten Woche sagte man ihm, dass es in den Amt gerade eine Computerumstellung gäbe und es daher eine Verzögerung gäbe, aber nächste Woche sei mit dem Abschluss zu rechnen. Und Gerhard nahm das so.

In der folgenden Woche sagte man ihm, dass die Kollegin, welche für den Akt zuständig gewesen sei, jetzt in Karenz sei, er könne aber gerne nächste Woche wieder anrufen, bis sich die neue Mitarbeiterin mit den übernommenen Fällen vertraut gemacht hatte. Und Gerhard nahm das so.

Aber insgeheim wurde er nicht nur ungeduldig sondern auch misstrauisch, und als er zufällig erfuhr dass die Aussage mit der Computerumstellung in dem Amt nicht stimmen konnte, drehte er durch. Er fuhr in die Kanzlei, schrie die Leute dort wahllos an, "Mir reichts! Verdammte Lügner und Betrüger! Bekommen Geld für nichts!", und stiess dabei Leute an, Bildschirme von den Tischen, warf mit Büromaterial um sich.

Nachher musste er dafür Wiedergutmachung bezahlen, und für die Arbeit in der Kanzlei hatte er ausser dem ersten grossen Schreck auch keine Veränderung bewirkt. Man fragte sich nur, wieso er nicht einfach gesagt hätte dass man seinen Fall vorreihen hätte sollen, wieso er den Abwiegelungen nicht einfach widersprochen hätte.

Aber Gerhard hätte garnicht gewusst was das ist, Abwiegeln.

Musiktipp: Ich + Ich - Stark

Dienstag, 7. Juli 2009

Entmachtete Ordnung

Das Land rüstete zum Krieg. Die Männer wurden einberufen und übten sich wieder im militärischen Drill und im Umgang mit den Waffen.

Doch eines Nachts verschwanden alle Uniformen und Ausweise.

Am nächsten Morgen war nur das Erstaunen noch grösser als das dadurch entstehende Chaos. Die Männer hatten nur ihre Privatsachen oder gar nur Unterwäsche an. Nach der ersten Verwirrung begannen die Befehlshaber, gemäß ihrer Rolle für Ordnung zu sorgen, die Gruppen antreten zu lassen. Doch es gab viele, die den Krieg nicht wollten. Manche setzten das Gerücht in Umlauf, dass auch die Gegner ohne Uniform seien, andere spielten selbst Kommandant und gelangten so aus der Kaserne. Wieder andere liessen sich nicht einfach von irgendwelchen Leuten in Unterhosen etwas anschaffen.

Und so brach die militärische Ordnung vollig zusammen.

Tipp: Handelsblatt - Ursachen der Finanzmarktkrise: Des Kaisers neue Kleider

Sonntag, 5. Juli 2009

Der Antiegoist

Er ging immer von den anderen aus. Was sie wollten das tat er, was sie fragten das beantwortete er, was sie sagten dem hörte er zu, was sie von ihm erwarteten das erfüllte er, was immer er sollte das tat er, wie immer er sein sollte so war er.

Er war ein braves Kind, ein lieber Bub, ein guter Schüler, ein pflegeleichter Nachbar, der beste Mitarbeiter und der beste Soldat. Er war für alles zu haben und für nichts zu schade. Und er war ein guter Gedankenleser.

Aber er brauchte immer jemand der ihm sagte was er tun sollte oder der ihn in ein Gespräch verwickelte. Alleine war ihm langweilig, alleine begann der zu lesen oder fern zu sehen. Und er konnte es nur dort aushalten wo ihn alle beschützten, denn überall anders musste er sich fürchten, sich fügen und leiden.

Und er konnte keine Frau für sich finden, denn die die ihn kommandierten gefielen ihm nicht, und die die ihm gefielen die fingen nichts mit ihm an, und er konnte nichts mit ihnen anfangen, denn das hatte er nie gelernt.

Aber irgendwie schaffte er es, die Welt auszutricksen und in dem Schlamassel zurecht zu kommen. Er gestaltete seine Umwelt so, dass sie ihn dorthin führte wo er hin wollte. Den Sternen übertrug er die Aufgabe, seine Ziele zu bestimmen, dem Schicksal lastete er alle Fehler und Zwänge an, und für die Sache mit den Frauen trickste er mit Gott, den Eltern und anderen Leuten, die eine Verbindung vermitteln sollten.

Musiktipp: 50 Cent - Wanksta

Samstag, 4. Juli 2009

Antipoden

Einst war ein Planet, dessen Landmasse sich in zwei grosse Kontinente gespalten hatte. Auf dem einen Kontinent lebten die Egoisten, auf dem anderen die Alturisten.

Die Egoisten waren wenige an der Zahl, gross und stark, und sie waren darauf bedacht immer grösser und stärker zu werden. Sie mussten das auch, um sich im harten Wettbewerb gegeneinander bestehen zu können. So hatten sie hohe Fertigkeit in der Entwicklung von Werkzeugen und Waffen, sie beuteten dazu die Rohstoffe ihres Kontinents aus, verschmutzten Boden, Wasser und Luft ihres Kontinents und nur aus der Not heraus bremsten sie sich etwas ein. Aber durch die schlechte Lebensqualität hatten sie sehr zu leiden.

Die Altruisten waren viele, sie liebten ihre Kinder und überhaupt alle Menschen. Sie kannten nur Altruisten. Sie gingen auch sorgsam mit ihrer Umwelt um, achteten auf nachhaltige Nutzung und lebten friedlich zusammen. Dazu entwickelten sie viele Hilfmittel, Musik, Gesang, Malerei, nicht zuletzt die Kochkunst. Es wurde ihnen allerdings im Laufe der Zeit langweilig, waren doch die Abläufe in ihrem Leben immer gleich und die Herausforderungen gering. Nur die zweitweise aufziehenden dunklen Wolken machten ihnen Angst, aber was konnte man schon tun als sich trösten und Hoffnung spenden.

Eine Wende geschah, als die Egoisten in ihrer Not wagten, mit Schiffen in'die unbekannte Weite des Meeres vorzustossen. Es war eine weite und schwere Farht, nur wenige der Schiffe schafften es bis zum Kontinent der Altruisten. Was sie dort sahen, beeindruckte sie sehr. Freundliche Menschen, gutes Essen wurde ihnen freigiebig angeboten, überall war es grün und die Luft war gut. Die Egoisten waren aber nicht gekommen um sich verwöhnen zu lassen, sie suchten nach Rohstoffen und versklavten dazu auch einige der Altruisten, die in Gegenwehr nicht geübt waren und alles wie willenlos über sich ergehen liessen. Doch sie waren keine guten Arbeiter, und die Ausbeute an Rohstoffen war sehr gering, sodass die Egoisten das Interesse verloren.

Sie nahmen nur einige der Altruisten und einige ihrer Kultobjekte mit auf ihre Schiffe, als Schauobjekte, um doch noch Profit aus ihrem Eroberungszug ziehen zu können. Auf dem Kontinent der Egoisten wurden die seltsamen Kunstwerke der Altruisten bestaunt, und ihre Verhaltensweisen belächelt. Lediglich die Erzählungen von den vielen Menschen die auf dem Kontinent der Alturisten friedlich und gesund zusammen lebten weckte eine leise Sehnsucht. Und die Altruisten, anfangs zutiefst beängstigt, verstört und abgestossen von den Egoisten, erkannten doch auch eine gewisse Qualität in ihren Werkzeugen und Bauten, die auch das Leben auf ihrem Kontinent noch verbessern könnte. Und so entwickelte sich im Laufe der Zeit eine rege Handelsbeziehung zwischen den beiden Kontinenten, in der sie lernten ihre Stärken auszutauschen und ihre Schwächen zu schützen.

Tipp: Antipoden Projekt

Freitag, 3. Juli 2009

Ewige Kinder (und ihr Vater)

.. in der Kirche: "Gott wir bitten Dich, hilf uns in diesen schweren Zeiten!"

(Sorry, ich bin draus. Ihr seid alt genug um für euch selber zu sorgen.)

... im Parlement: "Wir fordern höhere Löhne und Pensionen!"

(Von wem eigentlich?)

... im Haushalt: "Ich will diese alte Pfanne nicht mehr sehen!"

(Ja, und, was tust Du jetzt?)

... in der Fehlersituation: "Das darf doch nicht wahr sein!!!"

(Wer sagt, dass es wahr ist?)

Tipp: hpd - Infantilisierung durch Konsumkapitalismus (Buchrezension)

Donnerstag, 2. Juli 2009

Besser Allein

Er hatte schon viele Kontakte mit verschiedenen Menschen gehabt.

Manche waren gut zu ihm gewesen, freigiebig, aber dann forderten sie etwas dafür oder waren enttäuscht gewesen weil er irgendwelche Erwartungen von ihnen nicht erfüllte. Oder sie wollten sich mit etwas aufdrängen und wenn er es nicht annahm waren sie beleidigt.

Andere wollten etwas von ihm und gaben aber nichts zurück. Schlimmer, manche bedrohten ihn um von ihm zu bekommen was sie wollten. Wie auch immer es war, es war immer ein Verlust, weil man viel aufwenden musste um nicht noch mehr zu verlieren.

Und so erkannte er dass es besser ist, allein zu sein.

Musiktipp: Anastacia - Left Outside Alone

Mittwoch, 1. Juli 2009

Der gesenkte Blick 2

Einst strebten die Menschen nach dem höchsten Ziel, Geld nannten sie es, das Versprechen war paradiesisch, Reichtum, Erfolg, Zusammenarbeit aller Menschen, gesicherte Pension. Der Weg war leicht, man ging zur Arbeit, produzierte Güter, bekam dafür Geld dass man dann in den Einkaufszentren wieder ausgab, und schon war man ein guter, kaufkräftiger Konsument.

Doch als die Zeiten schlechter wurden, stolperten sie.

Geld half ihnen nicht dabei, die Produktion auf die Bedarfe abzustimmen, und so gab es in manchen Bereichen Überproduktion und in anderen Mängel. Das Profitstreben liess sie vergessen dass man, wenn man viel leistet um viel Geld anzusammeln, danach eigentlich garnichts mehr hat ausser Papier. Und die Einkaufszentren mit ihren ausgewählten Marken und Spezialitäten konnten die einfachsten Sachen nicht mehr anbieten, irgend etwas zu reparieren war unbezahlbar.

Die Menschen senkten den Blick, statt zu den Zahlen blickten sie zur Erde.

Dort sahen sie viele Mängel, in der Wirtschaft, im Transport, in den Beziehungen, in der Moral, in allen Dingen des gemeinsamen Lebens. Sie begannen dort etwas zu verbessern, und konnten daraus grosse Vorteile für ihr Leben gewinnen. Sie hofften nicht mehr auf das Geld sondern achteten darauf was sie jetzt für sich tun konnten. Sie begannen wirklichen Wohlstand anzuhäufen, einen, der ihr Leben lebenswert machte.

Geld sahen sie keines mehr, und sie wollten auch keines mehr wahrhaben.

Tipp: Mein Parteibuch Blog - US-Imperialismus kurz erklärt