Mit der systematischen Wissenschaft war den Menschen ein grosser Durchbruch gelungen. Endlich konnte man sich von den alten heiligen Schriften lösen und hatte statt dessen ein Rahmenwerk das definierte wie man Wissen schafft, und die Produktion von tatsächlichem und aktuellem Wissen war Sache einzelner Forscher bzw. organisierter Forschungsunternehmen. Und so konnten viele Menschen frei forschen und das Wissen der Menschheit explodierte förmlich.
Mit der zunehmenden Bedeutung der Wissenschaft - man begann von der Wissensgesellschaft zu sprechen - begannen sich aber auch Probleme einzuschleichen. Auf der einen Seite gab es den Bedarf der Zusammenarbeit mit der Wirtschaft, um das Wissen und die Anwendungen zusammenzubringen, sowie zunehmend auch, um Geld zu verdienen. Autonom sollte die Wissenschaft werden. Aber der Druck zu schnell verwertbaren Ergebnissen und zur Finanzierung der Arbeitsplätze der Forscher hat seinen Preis, leicht ist es möglich dem Auftraggeber gefällige Ergebnisse zu liefern, mit der Marke "Wissenschaftlich" und unter Einhaltung aller üblichen Richtlinien, die allerdings optimistisch ausgelegt waren und daher auch für ergebnisorientierte Forschung gebraucht werden konnten.
Auf der anderen Seite gab es offene Forschungsbereiche, die diesem Druck zwar nicht ausgeliefert waren weil sie staatliche Fördergelder bekamen, die aber dennoch im Wettbewerb um diese Gelder standen und so ebenfalls unter einem Ergebnisdruck standen, nämlich den, möglichst grosse Erwartungen zu wecken, möglichst grosse Fortschritte im Wissen von allem zu erzielen. Und so ergab sich ein Effekt, wie er auch in der Finanzwirtschaft beobachtet werden konnte, man stellte positive Erwartungen auf, solche welche die Wissenserweiterung förderten - die man aber nie überprüfte, weil sie auch nicht so gemancht waren dass man sie hätte überprüfen können. Und so war es möglich, dass über einige Zeit viele Menschen und viel Geld eingesetzt wurde, um über den Anfang des Universums und kleinste denkbare Teilchen zu spekulieren.
Als dann aber die Ergebnisse ausblieben, begann man skeptisch zu werden, Betrugsvorwürfe wurden laut, immerhin hatten die Menschen viel Geld in grosse und letztlich ergebnislose Experimente investiert, während man andere Bereiche vernachlässigt hatte, bei denen sich jetzt die negativen Folgen zeigten. Man begann zu untersuchen, wie die scheinbar so gute Wissenschaft mit ihren eingebauten Qualitätskontrollen so hatte versagen können. Dabei wurde klar, dass die üblichen Kontrollen des Peer-to-Peer-Reviewing, wo sich Forscher gegenseitig kontrollierten, zwar im Detail funktionierten, denn die Forscher standen in einem gewissen Wettbewerb zueinander. Allerdings gab es unter allen Experten eines Fachbereichs ein gemeinsames Ziel, nämlich diesen Fachbereich zu fördern. Und so war verständlich, wieso es zu diesdem Trend der Selbstüberschätzung bzw. der Gewinnmaximierung kommen konnte.
In Folge entschloss man sich, eine vom primären Wissenschaftsbetrieb getrennte Qualitätskontrolle zu etablieren, welche über eine unabhängige Finanzierung verfügte und deren Aufgabe es war, die Ergebnisse der Wissenschaft kritisch zu untersuchen und Qualitätsbewertungen zu vergeben. Anti-Wissenschaft nannte man sie, weil sie besonders in der Anfangszeit eine starke Gegnerschaft gegen das etablierte aber falsche Wissen entwickelte. Aber im Laufe der Zeit wurde klar, dass es sich in Wirklichkeit um ein Komplement, eine Vervollständigung, der Wissennschaft handelte, und die Anti-Wissenschaft begann auch, konstruktiv an der Wissensproduktion mitzuwirken, indem sie identifizierte, was die Wissenschaft zwar angenommen aber noch nicht bestätigt hatte. Anti-Wissen nannte man das, und es wurde zu einer neuen Quelle der Herausforderung für die primäre Wissenschaft.
Lesetipp: derStandard - Am weitesten entferntes Ding des Universums gesehen (die Forumsdiskussion dazu)
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