Die Menschen des Abendlandes kamen aus vielen Stämmen, jeder mit seiner uralten Tradition, seinen Anführern und seinem Stolz. Doch sie waren hierher gekommen, um es den alten Römern gleich zu tun. Deren Imperium war zwar zerfallen, aber sie hatten viele Dinge erreicht welche die neuen Einwanderer auch anstrebten. Grosse Städte mit allerlei Annehmlichkeiten, Strassen und Handelswege, und vieles mehr. Als einzelne Stämme war es ihnen gelungen, das Imperium so lange zu bedrängen bis es kollabiert war. Aber diese Dinge auch selbst zu erreichen, das hatten sie in der bisherigen Lebensweise als einzelne Stämme nicht gekonnt, und so streben sie nach Einheit.
Ein Vertreter der Einheit wurde über alle bisherigen Häuptlinge - jetzt Könige - gestellt, und von ihm mussten sich alle Könige absegnen lassen, um das Ziel der Einheit zu wahren. Die Menschen benutzten Kirchen als Räume der Gemeinschaft, zur feier der Einheit. Sie bauten sie sehr gross, schöner als die Burgen der Könige sogar. Durch die den Vertretern der Einheit verliehene Wertschätzung konnten diese auch zwischen rivalisierenden Königen vermitteln, um das Ziel der Einheit auch in Konflikten und Kriegen nicht zu verlieren. Und jene, die sich nicht dem grossen Ziel anschliessen wollten, wurden abschätzig Heiden genannt und so unter Druck gesetzt, sich ebenfalls anzuschliessen.
Bestärkt durch die Erfolge, wurde das Ziel er Einheit immer stärker ausgebaut. Tugenden und Gesetze wurden entwickelt um die Einheit herzustellen und abzusichern, die Gesellschaft organisierte sich ein einer Weise, so dass die Zugehörigkeit zur Einheit kenntlich wurde, in Ständen, mit Uniformen, mit einheitlichem Kalender und Feiertagen. Egal in welchem ehemaligen Stammesgebiet man sich aufhielt, es war viel leichter als früher aufgenommen zu werden und dort zu leben. Die Menschen begannen viel zu reisen und die Gemeinschaft zu geniessen. Und dank der etablierten Tugenden und Gesetze konnten sie dies auch, unbehindert von alten Traditionen und Animositäten, die dem früher im Weg gestanden hatten. So wurde die alte Stammeszugehörigkeit immer unbedeutender, nur in den Sprachen, Kochkünsten und anderen Spezialitäten der Länder bzw. der Regionen konnte man noch die Reste alter Wurzeln erkennen.
Doch im Laufe der Zeit begann das Ziel der Einheit wieder an Anziehungskraft zu verlieren. Die einheitlichen Tugenden, Stände, Feiertage usw., die einst so befreiend gewirkt hatten, wurden zunehmend als Einschränkung der einzelnen Handlungsfreiheit empfunden, die Einheit war nicht mehr Pflicht sondern Zwang. Die Vertreter der Einheit mussten zunehmend zu Mitteln der Abschreckung greifen, um das Ziel der Einheit weiter aufrecht zu halten, bedrohliche Visionen vom Zusammenbruch der Einheit wurden den Versprechungen der Einheit gegenübergestellt. Im Zusammenleben begann sich die Sitte der gegenseitigen Denunziation auszubreiten, Abweichler wurden beschimpft. Wohl hatte man immer schon neue Gesetze auch mit Hinrichtungen bestraft, um die Folgen von unsittlichen Handlungsweisen zur Schau zu stellen. Aber irgendwie hatte sich die Motivation verändert. Es war nicht mehr das Streben nach Freiheit, das die Handlungen motivierte, sondern die Angst vor dem Verlust der erreichten Einheit.
Die Dynamik begann langsam zu eskalieren, die Unzufriedenheit stieg. Die Vertreter der Einheit und auch die Könige wurden zu den Verteidigern der aus dem Ziel der Einheit entstandenen Ordnung. Rebellionen wurden unterdrückt, Aktionen gegen die Mehrheit der Menschen wurden immer häufiger, was diese nicht nur gegen die Könige aufbrachte, sondern auch gegen das Ziel der Einheit. So kam es dazu dass viele Menschen die Flucht in neu entdeckte Teile der Welt flüchteten, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Und in der alten Welt wurden die Könige als Vertreter der Einheit gestürzt und durch von den Bevölkerungen bestimmte Vertreter ersetzt. Das alte Ideal der Einheit wurde zunehmend durch ein neues Ideal ersetzt, welches die Rechte nicht mehr am Ziel der Einheit anknüpfte sondern an der Handlungsfreiheit des Einzelnen, frei von den Zwängen eines nicht mehr existenten gemeinsamen Ziels der Einheit.
Lesetipp: Capitalism.org (->The Capitalism Tour)
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