Dienstag, 2. Juni 2009

Die vergessene Entwicklungszeit

Formalia war eine elegante, wohlhabende Stadt. Ihr Reichtum kam vom internationalen Handel und von der Verwaltung der umliegenden Ländereien. Und die Geschäfte liefen gut, schon seit vielen Generationen.

Die Menschen in Formalia waren es gewohnt, dass sie ihre Lebensmittel, Kleidungsstücke, usw. fertig hergestellt und ansprechend verpackt einkaufen konnten. Musiker und Künstler liess man nur die Besten aus aller Welt auftreten. Baustellen konnte man in der Stadt nie sehen, diese wurden abgedeckt, so dass die Bürger der Stadt ungestört blieben.

Die Menschen waren sehr ordnungsbewusst und achteten darauf, dass alles sauber blieb. Und sie kamen auch nie mit den schmutzigen Arbeiten in Kontakt, denn alles was mit Handwerk, Entwicklungsarbeit, Wachstum etc. zu tun hatte, wurde von den Menschen der umliegenden Dörfer und Ländereien erledigt.

Und so kam es, dass die Kinder der Stadt immer weniger ihre natürlichen Bewegungs- und Entwicklungsbedürfnisse ausleben konnten, da alle überall ein angemessenes Benehmen voraussetzten. Und die Kinder, erwachsen geworden, gaben dies wiederum an ihre Kinder weiter. Es war nur noch erlaubt, was bekannt war, und dies wurde immer weniger.

Die Stadt erstarrte. Die Formen wurden immer strenger, auf kleinste Abweichungen reagierte man mit allergischer Aufregung, niemand mehr getraute sich etwas neues zu tun. Die Angst, in der Öffentlichkeit an Status zu verlieren, war zu gross. Nur in den Hobbykellern, in den Schrebergärten am Standrand und bei privaten Karaokepartys gab man sich zwar verschämt aber freudig den schmuddeligen, unperfekten und unfertigen Dingen hin.

Musiktipp: Lexikon der dunklen Zitate - Gewohnheit

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