Sonntag, 21. Juni 2009

Erste Begegnung

Sie fiel ihm sofort in's Auge. Reizvoll gekleidet, lange Haare, jung, schlank, hübsches Gesicht.

Er sah sie an, sie sah ihn an, dann sah sie zu Boden. Er folgte ihrem Blick und sah ihren Körper.

Maßvoll ließ er seine Augen nach unten und dann wieder nach oben gleiten. Dort trafen sich ihre Blicke wieder.

Er strahlte. Sie lächelte. Er grüsste. Sie grüsste zurück. Auch ihre Stimme gefiel ihm.

Ein Anfang war gemacht.


Webtipp: Pick Up Guide - Field Report

Samstag, 20. Juni 2009

Die Gemeinschaft der Fremden

Sehr gross war sie geworden, die Gemeinschaft der Menschen. Und sehr ordentlich. Man war stolz darauf, die alten Kriege und Konflikte bereinigt zu haben, so dass nun alles reibungslos ablaufen konnte.

Das war auch notwendig, denn in der hoch spezialisierten Gemeinschaft hatte jeder mit vielen anderen zu tun, als Dienstleister oder als Kunde, und das war nur möglich weil alle wussten was sie zu erwarten hatten, nur so konnte alles funktionieren. Und um die Ordnung aufrecht zu halten wurde, wer auch immer Fehler verursacht hatte, bestraft.

Und so kam es, dass die Menschen zwar wussten wie sie sich wo zu benehmen hatten, damit alles reibungsfrei funktionierte. Aber sie kannten nur noch die Routine, die Rituale, sie hatten vergessen was sie bedeuteten, wozu es eigentlich gut war, sich zu grüssen oder zu verabschieden.

Fremd waren sie sich geworden, und sie merkten es garnicht. Nur in den seltenen Situationen, wo zwei in eine neuartige oder unbekannte Situation gerieten, fiel es auf dass sie planlos waren. Aber dafür war vorgesorgt, es gab die Berater, von überall mobil erreichbar, von denen man sich mit den notwendigen Instruktionen versorgen lassen konnte damit man weiterhin dem Protokoll folgen konnte.

Musiktipp: Clawfinger - Catch Me

Freitag, 19. Juni 2009

Lieder statt Gesetze

Ernst war ein guter Schüler gewesen. Sprache, Mathematik, Technik, Informatik, alles fiel ihm leicht und so kam er auf die Universität um zu studieren, und dort begann er dann auch zu arbeiten, als Entwickler und Forscher.

Eines Tages, er hatte wieder einen Tag vor dem Computer verbracht, Software zur Modelltransformation zu entwickeln und zu testen, da bemerkte er dass andere, denen er erklären wollte was da vor sich ging, nur auf die Worte und Ausdrücke achteten - während er sehen konnte, was sie bedeuteten, welche Informationsveränderungen damit ausgedrückt wurden.

Erst meinte er, die seien eben nicht so eingearbeitet in die Materie wie er, und das war natürlich so. Dann aber erschrak er. Nur Worte! Sein ganzes Leben lang hatte er sich nur mit Worten beschäftigt. Andere Menschen beschäftigten sich mit vielen Dingen, mit Menschen und Beziehungen, aber er verstand nur Worte und Regeln!

Entsetzt über sich selber wendete er sich von seinem Beruf ab, lies alles hinter sich und ging in die entgegengesetzte Richtung, auf der Suche nach dem Leben, der Musik, den Menschen und den Gefühlen. Vielen verschiedene Menschen wollte er begegnen, viele Erfahrungen bekommen. Und die erste Erfahrung die er machte war, dass er ein Fremder war, unerfahren wie ein Kind, aber wissend wie ein Erwachsener. Und so konnte er sich bei seiner eigenen Entwicklung beobachten.

Musiktipp: India.Arie - Ready for Love

Donnerstag, 18. Juni 2009

Exodus

Die Pfeiler und Träger knirschen von dem Beben. Betonbrocken stürzen herab, der ganze Gebäudekomplex drohte einzustürzen. Gerhard und seine Freunde wussten, sie mussten hier heraus.

Durch die leeren Gänge und über Schutthaufen flüchteten sie, immer in Gefahr dass eines der herabstürzenden Trümmer sie treffen konnte, und immer darauf bedacht dass sie sich nicht verloren.

Der rettende Ausgang führte über eine alte Holzbrücke zur anderen Seite, wo sie erst im Häuschen eines alten Freundes Zuflucht fanden, um von dort weiter in eine neue, unverbaute Welt zu ziehen.

Musiktipp: Sabrina Setlur - Freisein

Mittwoch, 17. Juni 2009

Der Rest

Die Erfolgsgesellschaft strebte nach immer hoheren Erfolgen. Jeder Tag der keine neuen Rekorde brachte war ein verlorener Tag. Die volle Leistung war gefragt, die Menschen gaben 110 % um überhaupt noch mithalten zu können.

Nicht alle konnten das. Manche wurden krank, man brachte sie in Krankenhäuser. Die meissten wurden alt, man brachte sie in Pflegeheime. Manche waren gescheitert und hatten aufgegeben, man wollte sie nicht sehen.

Alle Augen blickten auf die Erfolgreichen, Jungen, Schönen. Schneller, höher, weiter war das Motto. Hürden wurden aus dem Weg geräumt, Schäden repariert, die Effizienz gesteigert. Und alles andere vergessen.

Irgendwann kam man aber an einen Punkt, an dem die Leistung abfiel. Erst langsam und unbemerkt, schamhaft wurden Ergebnisse besser dargestellt als sie waren, niemand wollte und konnte es sich leisten ein Verlierer zu sein.

Dann kam die Krise. Man wollte mehr, es ging nicht mehr. Die Angst vor dem Absturz in's Nichts brach aus, niemand konnte sich vorstellen wie es wäre wenn es nicht mehr aufwärts ginge. Aber die Chance lag darin das Verlieren zu lernen.

Tipp: Welt der Physik - Dunkle Materie und Dunkle Energie

Dienstag, 16. Juni 2009

Delta-Man rettet den Perfektionisten

Der Perfektionist war ein extremer Mensch in seinem Tun. Entweder er machte etwas perfekt oder er machte es garnicht. Wie Schwarz und Weiss. In seinem Spezialgebiet war er absolut spitze, aber es gab viele Dinge die er sonst noch hätte tun könnne, aber nicht anfing, weil er sie nur schlecht konnte. Und das konnte er nicht ertragen.

Es hätte ja jemand etwas sagen können.

Er wäre ein Looser gewesen, und das konnte er nicht riskieren, so von der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Also blieb er bei dem was er konnte, und perfektionierte es noch weiter. Bis dorthin, wo er Dinge machen konnte die keiner ausser ihm mehr verstand. Eine Sackgasse. Es gab nichts mehr weiter was er sinnvoll hätte tun können.

Er verzweifelte, gab den anderen die Schuld.

Da kam Delta-Man, der neue Superheld, zur Rettung. Er weihte ihn ein in die Geheimnisse der Wertschöpfung. Nicht im perfekten Ergebnis lag der Wert aller Taten und Werke, sondern in deren Veränderung der Welt. Er weihte ihn auch ein in das Geheimnis des Nullpunktes. Das Wichtigste war nicht, ob etwas perfekt geworden war sondern wie es geworden war. Und er weihte ihn ein in das Geheimnis der Relativität. Was für den einen perfekt und fehlerfrei war, in dem fand der andere allerlei Mängel.

Weil jeder andere Ansichten, Ansprüche und Bedarfe haben kann.

So lehrte er den Perfektionisten, darauf zu achten was er tat, jedem Schritt als Beitrag und also von Wert zu betrachten. Auch Anfänge waren schon von Wert - und eigentlich sogar das Wertvollste überhaupt. Und mit dem so gewonnenen Selbstvertrauen konnte der Perfektionist auch gelassen mit weiteren Forderungen umgeken, da er den Wert dessen was war kannte und gegenüber dem was noch fehlte abwägen konnte. Er konnte verhaldeln statt nur zu flüchten.

Und so wurde der Perfektionist zur Exzellenz.

Lesetipp: Wikipedia - Kaizen

Montag, 15. Juni 2009

Der eigene Beitrag

Thomas, alt war er geworden, und er blickte auf sein Leben zurück. Vieles hatte er errungen, an so manchem war er auch gescheitert. Und bald würde alles vorbei sein, er würde nicht mehr auf dieser Welt sein...

Er erschrak. Würde es jemandem auffallen? Oder würden sich etwa nur seine Gegner heimlich freuen über sein Verschwinden. Wer honorierte in dieser anonym gewordenen Zeit der Einzelkämpfer denn noch die Leistung des anderen Einzelnen? War nicht alles war er getan hatte hinter Verpackungsmaterial verschwunden?

Thomas begann am Sinn seines Lebens zu zweifeln. So lange hatte er unermüdlich gewerkt, um Geld anzuhäufen, um Kontakte zu knüpfen, um Anerkennung zu erringen - und jetzt soll sich herausstellen dass alles für nichts war?

Zynisch begann er über die Taten der Leute zu sprechen. Da liefen alle diese Räder im System, gelockt vom Futter und getrieben von, ja, von was eigentlich? Wieso läuft ein Hamster im Hamsterrad? Nur damit er nicht zu viel Fett ansetzt und darüber unglücklich wird?

Wie er so nachdachte, über sein Leben, das Werden der Welt überhaupt, da fiel ihm ein, dass doch alles im grossen und ganzen gesehen mehr, besser, geworden war. Zwar nicht mit jedem Schritt und auch nicht Vorhersehbar, aber irgendwie doch. Und es waren viele Einzelne, welche durch ihren Beitrag erst das Ganze hatten entstehen lassen, in dem er auch so lange gelebt hatte.

Und so konnte er doch seinen eigenen Beitrag noch immer nicht genau angeben, jedenfalls nicht das, was nach seinem Tod übrig bleiben würde. Aber es war ihm klar geworden, dass es nicht anders möglich war als dass jeder Einzelne tat was er konnte, und alles weitere würde sich fügen.

Tipp: hpd - Evolution: zwischen Zufall und Notwendigkeit